Wer sich mit Ausdauertraining beschäftigt, stößt schnell auf Begriffe wie anaerobe Schwelle, VT2, LTP2, LT2, individuelle anaerobe Schwelle oder maximales Laktat-Steady-State. In Trainingsplänen und Leistungsdiagnostiken werden diese Begriffe oft so verwendet, als würden sie exakt denselben physiologischen Punkt beschreiben.
So einfach ist es nicht.
Die verschiedenen Schwellenkonzepte betrachten eine ähnliche Belastungsregion, verwenden dafür aber unterschiedliche Messgrößen, Testprotokolle und mathematische Verfahren. Bei manchen Athlet liegen die Ergebnisse eng beieinander. Bei anderen entstehen relevante Abweichungen. Deshalb ist nicht nur entscheidend, welcher Schwellenwert angegeben wird, sondern auch, wie er bestimmt wurde.
Der Review von Jamnick et al. (2020) bringt das Grundproblem auf den Punkt: Trainingsintensität lässt sich nicht zuverlässig allein über starre Prozentsätze der VO₂max, der maximalen Herzfrequenz oder der Maximalleistung steuern. Physiologische Schwellen sind grundsätzlich individueller, doch auch sie sind keine austauschbaren Messwerte. Für eine saubere Trainingssteuerung braucht es eine methodisch nachvollziehbare Diagnostik und eine fachkundige Interpretation.
Kurz gesagt: Es gibt nicht die eine Schwelle, die bei jedem Testverfahren automatisch am selben Wattwert, bei derselben Pace und bei derselben Herzfrequenz liegt.
Was soll die „anaerobe Schwelle“ überhaupt beschreiben?
Historisch sollte die anaerobe Schwelle jene Belastungsintensität kennzeichnen, ab der die aerobe Energiebereitstellung den Energiebedarf nicht mehr vollständig decken könne und anaerobe Stoffwechselwege stärker beitragen. Mit dem Anstieg des Laktats und der metabolischen Azidose verändert sich auch die Atmung.
Diese Erklärung ist als grobes Modell verständlich, physiologisch aber zu stark vereinfacht.
Der Körper schaltet an einer Schwelle nicht plötzlich von „aerob“ auf „anaerob“ um. Aerobe und anaerobe Prozesse laufen über das gesamte Belastungsspektrum parallel ab. Auch Laktat entsteht bereits in Ruhe und bei niedrigen Intensitäten. Die Blutlaktatkonzentration zeigt das Ergebnis aus Laktatbildung, Transport, Verteilung und Abbau beziehungsweise Oxidation. Ein Anstieg bedeutet daher nicht automatisch, dass im Muskel plötzlich Sauerstoff fehlt.
Sinnvoller ist es, die obere Schwelle als eine Übergangsregion der Belastungsreaktion zu betrachten: Unterhalb dieser Region kann der Organismus bei konstanter Belastung meist noch ein verzögertes physiologisches Gleichgewicht erreichen. Oberhalb davon steigen Sauerstoffaufnahme, Laktat, Ventilation und Ermüdung zunehmend weiter an, bis die Belastung beendet werden muss.
Der Begriff „anaerobe Schwelle“ ist dennoch weit verbreitet. Problematisch wird er dann, wenn nicht angegeben wird, welches konkrete Verfahren dahintersteht.
Die drei Belastungsdomänen als verständliches Grundmodell
Jamnick et al. empfehlen, Schwellen danach zu beurteilen, ob sie tatsächlich unterschiedliche physiologische Belastungsdomänen voneinander trennen. Für das Ausdauertraining sind vor allem drei Bereiche wichtig:
1. Moderate Intensität
Die Belastung liegt unterhalb der ersten physiologischen Schwelle. Sauerstoffaufnahme und Laktat erreichen relativ rasch einen stabilen Zustand. Die Beanspruchung bleibt gut kontrollierbar und kann lange aufrechterhalten werden.
2. Schwere Intensität („heavy domain“)
Die Belastung liegt zwischen der ersten und der oberen Schwelle. Die Sauerstoffaufnahme passt sich langsamer an, und das Laktat steigt zunächst über das Ausgangsniveau. Bei ausreichend niedriger Belastung innerhalb dieser Domäne kann sich jedoch noch ein verzögertes Steady-State einstellen.
3. Severe-Intensität ohne Steady-State („severe domain“)
Oberhalb der oberen Grenze ist kein stabiles metabolisches Gleichgewicht mehr möglich. Die Sauerstoffaufnahme entwickelt einen ausgeprägten Slow Component und bewegt sich bei ausreichender Belastungsdauer in Richtung VO₂max. Laktat und weitere Ermüdungsmarker steigen weiter an. Die mögliche Belastungsdauer nimmt deutlich ab.
Die zweite Schwelle soll diese obere Grenze der dauerhaften Stabilität möglichst gut abbilden. Genau hier kommen VT2, LTP2, LT2, MLSS und auch Critical Power beziehungsweise Critical Speed ins Spiel.

Warum „anaerobe Schwelle“ kein eindeutiger Messwert ist
In der Praxis kann „anaerobe Schwelle“ unter anderem Folgendes bedeuten:
- eine fixe Blutlaktatkonzentration, häufig 4 mmol/l,
- eine individuelle anaerobe Schwelle nach einem bestimmten Laktatmodell,
- den zweiten Laktat-Turnpoint beziehungsweise LTP2,
- einen mit Dmax oder modifiziertem Dmax berechneten LT2,
- die zweite ventilatorische Schwelle beziehungsweise VT2,
- den Respiratory Compensation Point (RCP),
- eine Schätzung des maximalen Laktat-Steady-States,
- oder umgangssprachlich sogar die Leistung, die ungefähr eine Stunde gehalten werden kann.
Diese Werte können zusammenhängen. Sie sind aber nicht automatisch identisch. Wer nur „anaerobe Schwelle: 285 Watt“ schreibt, ohne Methode und Protokoll zu nennen, lässt einen entscheidenden Teil der Information weg.
LTP2: der zweite Laktat-Turnpoint
Bei einem stufenförmigen Belastungstest wird nach jeder Stufe eine kleine Blutprobe entnommen. Daraus entsteht eine Laktat-Leistungs- beziehungsweise Laktat-Pace-Kurve.
Der zweite Laktat-Turnpoint (LTP2) beschreibt den zweiten deutlichen Richtungswechsel dieser Kurve. Ab diesem Bereich nimmt die Blutlaktatkonzentration im Verhältnis zur steigenden Leistung überproportional zu. In einem Drei-Phasen-Modell markiert LTP2 den Übergang von der zweiten in die dritte Phase der Belastungsreaktion.
Wichtig ist: Ein Turnpoint springt nicht als eindeutig sichtbarer Punkt aus jeder Kurve. Seine Position hängt unter anderem ab von:
- Ausgangsleistung und Stufenhöhe,
- Dauer der Belastungsstufen,
- Länge der Messpausen,
- Probenentnahme und Messsystem,
- Ernährung, Vorbelastung und Glykogenverfügbarkeit,
- Sportart und Trainingszustand,
- sowie dem verwendeten mathematischen Auswertungsverfahren.
Die Untersuchung von Jamnick et al. (2018) zeigte eindrücklich, dass Veränderungen des Stufentest-Protokolls sowohl die ermittelte Laktatschwelle als auch die gemessene VO₂peak beeinflussen können. Ein Schwellenwert ist deshalb immer zusammen mit dem Protokoll zu interpretieren.

LTP2 ist nicht automatisch jeder beliebige LT2
„LT2“ ist häufig ein Sammelbegriff für eine zweite Laktatschwelle. Je nach Software oder Labor kann dahinter ein LTP2, eine Dmax-Methode, eine fixe Konzentration oder ein individuelles Schwellenmodell stehen. Zwei Berichte können daher beide einen „LT2“ ausweisen und trotzdem unterschiedliche physiologische beziehungsweise mathematische Definitionen verwenden.
Bei HPC wird deshalb nicht nur der Endwert betrachtet. Entscheidend sind der gesamte Kurvenverlauf, die Testdurchführung, die begleitende Herzfrequenz, das subjektive Belastungsempfinden und – wenn vorhanden – die Atemgasdaten.
Warum 4 mmol/l keine universelle anaerobe Schwelle darstellen
Die fixe 4-mmol-Schwelle war historisch wichtig und kann unter standardisierten Bedingungen als Orientierung dienen. Sie ist aber keine biologische Naturkonstante.
Die Blutlaktatkonzentration an der oberen Belastungsgrenze unterscheidet sich erheblich zwischen Personen und Sportarten. Sie wird außerdem durch das Testprotokoll beeinflusst. Bei einzelnen Athlet kann die relevante Belastungsintensität bei deutlich weniger als 4 mmol/l liegen, bei anderen deutlich darüber.
Das zeigt auch die MLSS-Forschung: Beneke et al. fanden bei vergleichbarer Definition des MLSS eine deutliche interindividuelle Streuung der zugehörigen Laktatkonzentration. Hoogeveen et al. berichteten bei Elite-Ausdauerathleten Werte von 3,2 bis 12,2 mmol/l. Der entscheidende Punkt ist somit nicht eine bestimmte Laktatzahl, sondern ob sich das Laktat bei konstanter Belastung stabilisiert.
Praxisregel: Eine fixe Laktatkonzentration kann ein Referenzwert sein. Sie ersetzt aber keine individuelle Kurvenanalyse.
VT2 und RCP: die zweite ventilatorische Schwelle
Bei einer Spiroergometrie werden Sauerstoffaufnahme, Kohlendioxidabgabe und Ventilation Atemzug für Atemzug erfasst. Dadurch lässt sich beurteilen, wie Atmung und Gasaustausch auf die steigende Belastung reagieren.
Im deutschsprachigen sportwissenschaftlichen Alltag wird häufig von VT2 gesprochen. International ist für den zugehörigen zweiten ventilatorischen Wendepunkt die Bezeichnung Respiratory Compensation Point (RCP) gebräuchlich.
Oberhalb der ersten ventilatorischen beziehungsweise Gas-Exchange-Schwelle wird ein größerer Anteil der entstehenden Protonen über Bicarbonat gepuffert. Dabei entsteht zusätzliches CO₂. Zunächst können Ventilation und CO₂-Abgabe noch so angepasst werden, dass der arterielle beziehungsweise endtidale CO₂-Druck stabil bleibt oder weiter ansteigt. Mit zunehmender metabolischer Azidose setzt schließlich eine kompensatorische Hyperventilation ein.
Typische Hinweise auf VT2 beziehungsweise RCP sind:
- ein überproportionaler Anstieg der Ventilation,
- ein Anstieg des Atemäquivalents für CO₂ (VE/VCO₂) nach dessen Tiefpunkt,
- ein Abfall des endtidalen CO₂-Drucks (PETCO₂),
- sowie eine zusätzliche Steilheitsänderung in den ventilatorischen Kurven.
Das Kursbuch Spiroergometrie beschreibt die gemeinsame Betrachtung mehrerer Kurven als Grundlage der Schwellenbestimmung. Bereits Beaver, Wasserman und Whipp trennten den über die V-Slope-Methode ermittelten ersten Gaswechselpunkt vom höher liegenden Respiratory Compensation Point. Whipp, Davis und Wasserman zeigten zudem, dass zwischen dem ersten Anstieg durch Pufferung und der eigentlichen respiratorischen Kompensation eine Phase des „isocapnic buffering“ liegen kann.
Warum VT2 nicht einfach „der Moment mit schwerer Atmung“ ist
Die Atmung wird bei steigender Leistung kontinuierlich intensiver. VT2 wird deshalb nicht allein anhand eines subjektiv auffälligen Atemanstiegs oder einer einzelnen Kurve bestimmt. Atemmuster, Rampensteigung, Messmittelung und Erfahrung der auswertenden Person beeinflussen die Beurteilung.
Röcker et al. untersuchten den Zusammenhang zwischen überschüssiger CO₂-Abgabe und Blutlaktat. Auch diese Arbeit unterstreicht, dass ventilatorische und laktatbezogene Reaktionen miteinander verbunden sind, aber nicht als exakt deckungsgleiche Messsignale behandelt werden sollten.
MLSS: das maximale Laktat-Steady-State
Das maximale Laktat-Steady-State (MLSS, häufig auch MaxLass) wird nicht aus einer einzelnen ansteigenden Testkurve abgelesen. Es wird über mehrere konstante Belastungen bestimmt.
Eine verbreitete operationale Definition lautet: MLSS ist die höchste Leistung beziehungsweise Geschwindigkeit, bei der die Blutlaktatkonzentration zwischen der 10. und 30. Belastungsminute um nicht mehr als 1 mmol/l ansteigt.
Für eine direkte Bestimmung sind normalerweise mehrere Tests an unterschiedlichen Tagen erforderlich:
- Eine konstante Belastung wird knapp unterhalb der vermuteten Schwelle durchgeführt.
- Bleibt das Laktat stabil, wird an einem weiteren Tag eine etwas höhere Belastung getestet.
- Steigt das Laktat über das festgelegte Kriterium hinaus weiter an, lag die Belastung oberhalb des MLSS.
- Die höchste Belastung, die das Stabilitätskriterium noch erfüllt, wird als MLSS-Leistung beziehungsweise MLSS-Pace ausgewiesen.
Beneke zeigte, dass Testdauer und Auswertungskriterium das Ergebnis beeinflussen. Mindestens 30 Minuten Belastung und die Beurteilung des Laktatanstiegs zwischen Minute 10 und 30 gelten als gut begründete praktische Vorgehensweise.
Ist MLSS der Goldstandard?
MLSS ist eine sehr wertvolle Referenz für die höchste Intensität, bei der die Blutlaktatkonzentration nach der gewählten Definition stabil bleibt. Der Test ist jedoch zeitaufwendig, und das Ergebnis hängt von der verwendeten Schrittweite zwischen den Belastungen sowie vom Stabilitätskriterium ab.
Außerdem bedeutet ein stabiles Blutlaktat nicht, dass wirklich alle physiologischen Systeme vollständig stabil sind. Herzfrequenz, Körpertemperatur, Substratverbrauch oder neuromuskuläre Ermüdung können sich weiter verändern.
Jamnick et al. bewerten die Evidenz für Critical Power beziehungsweise Critical Speed als Abgrenzung zwischen Heavy- und Severe-Domain stärker als für viele gebräuchliche Schwellenmarker. Jones et al. argumentieren ebenfalls, dass MLSS und Critical Power nicht synonym verwendet werden sollten. Für die praktische Leistungsdiagnostik bleibt MLSS dennoch ein wichtiges Referenzkonzept – besonders, wenn geprüft werden soll, ob eine aus einem Stufentest geschätzte Schwelle bei konstanter Belastung tatsächlich stabil ist.

Sind VT2, LTP2 und MLSS dasselbe?
Nein. Sie können nahe beieinanderliegen, messen aber nicht dasselbe.
| Begriff | Wie wird er bestimmt? | Was beschreibt er? | Zentrale Einschränkung |
|---|---|---|---|
| Anaerobe Schwelle | je nach Modell unterschiedlich | unscharfer Sammelbegriff für die obere Belastungsgrenze | ohne Methodenangabe nicht eindeutig |
| LTP2 / LT2 | Laktat-Stufentest | zweiten deutlichen Anstieg beziehungsweise mathematischen Schwellenpunkt der Laktatkurve | abhängig von Protokoll und Auswertungsmethode |
| VT2 / RCP | Spiroergometrischer Rampen- oder Stufentest | Beginn der respiratorischen Kompensation bei zunehmender metabolischer Azidose | Interpretation mehrerer Atemgaskurven erforderlich |
| MLSS | mehrere konstante Belastungstests | höchste Belastung mit stabilem Blutlaktat nach festgelegtem Kriterium | zeitaufwendig und kriteriumsabhängig |
| Critical Power / Speed | mehrere Ausbelastungen oder validiertes Testmodell | modellierte Grenze zwischen stabiler und nicht stabiler Belastungsreaktion | abhängig von Testdauern und Modell |
Studien zeigen häufig starke Zusammenhänge zwischen diesen Markern. Eine hohe Korrelation bedeutet jedoch nicht, dass zwei Verfahren bei einer einzelnen Person denselben Wert liefern. Smith und Jones fanden bei Läufern vergleichbare Gruppenmittelwerte für Laktat-Turnpoint, MLSS und Critical Velocity, gleichzeitig waren die individuellen Abweichungen zu groß, um einen Marker präzise aus einem anderen vorherzusagen.
Auch für VT2/RCP gilt: Die zugehörige Sauerstoffaufnahme kann in einer ähnlichen physiologischen Region liegen wie MLSS oder Critical Power, während die direkt aus einer Rampe abgelesene Wattzahl wegen der verzögerten VO₂-Anpassung höher ausfallen kann. Rampenleistung und konstante Dauerleistung dürfen daher nicht unkritisch gleichgesetzt werden.
Warum das Testprotokoll so wichtig ist
Ein Schwellenwert ist nie losgelöst vom Testprotokoll zu betrachten.
Stufendauer
Kurze Stufen reduzieren die Zeit, in der sich Laktat, Sauerstoffaufnahme und Herzfrequenz an die neue Leistung anpassen können. Längere Stufen bilden den Stoffwechsel besser ab, verlängern aber den Test und können die maximale Leistung beziehungsweise VO₂peak beeinflussen.
Stufenhöhe oder Rampensteigung
Große Leistungssprünge verringern die Auflösung. Eine sehr steile Rampe kann ventilatorische Schwellen und die zugehörige Leistung verschieben. Die an der Schwelle gemessene VO₂ ist daher häufig besser zwischen Protokollen vergleichbar als die unmittelbar zugeordnete Rampenleistung.
Sportart
Radsport und Laufen beanspruchen Muskulatur, Körperposition und Bewegungsmechanik unterschiedlich. Schwellenleistung, Pace und Herzfrequenz müssen deshalb sportartspezifisch bestimmt werden. Radbereiche lassen sich nicht mit einer pauschalen Formel in Laufbereiche umrechnen.
Vorbereitung und Messbedingungen
Vorbelastung, Kohlenhydratzufuhr, Tageszeit, Temperatur, Material, Probenentnahme und Gerätekalibrierung können das Ergebnis beeinflussen. Für Verlaufstests sollten die Bedingungen möglichst vergleichbar sein.

Wie HPC die obere Schwelle bestimmt
Bei HPC wird kein einzelner Messwert isoliert betrachtet. Je nach Fragestellung kombinieren wir:
- den Verlauf der gesamten Laktatkurve,
- LTP1 und LTP2 beziehungsweise weitere begründete Laktatmodelle,
- VT1 und VT2/RCP aus der Spiroergometrie,
- Sauerstoffaufnahme und CO₂-Abgabe,
- Herzfrequenz, Leistung beziehungsweise Pace,
- subjektives Belastungsempfinden,
- Testprotokoll und sportartspezifische Bedingungen,
- sowie vorhandene Trainings- und Wettkampfdaten.
Wenn mehrere Marker gut zusammenpassen, erhöht das die Sicherheit der Interpretation. Wenn sie voneinander abweichen, werden sie nicht einfach gemittelt. Stattdessen wird geprüft, ob die Abweichung physiologisch plausibel ist, durch das Protokoll erklärt werden kann oder mit einem konstanten Validierungstest überprüft werden sollte.
Bei der kombinierten Leistungsdiagnostik kann ein Stufentest die submaximalen Schwellen und Stoffwechselreaktionen abbilden. Eine anschließende Rampe ermöglicht eine valide maximale Ausbelastung und die Bestimmung der VO₂max. Dadurch müssen submaximale Schwellenanalyse und maximale Leistungsbestimmung nicht in ein einziges ungeeignetes Testformat gepresst werden.
Was ein wissenschaftlich sauberer Schwellenbefund enthalten sollte
| Information | Was sollte angegeben werden? | Warum ist das wichtig? |
| Testprotokoll | Startleistung, Stufenhöhe, Stufendauer, Pausen und Rampensteigung | Schwellenwerte sind protokollabhängig |
| Bestimmungsmethode | z. B. LTP2, Dmax, individuelles Modell oder VT2/RCP | „Anaerobe Schwelle“ allein ist nicht eindeutig |
| Messsystem | Laktatanalysator, Spiroergometriesystem und Kalibrierung | Die gesamte Messkette beeinflusst die Datenqualität |
| Sportart | Radsport, Laufen oder eine andere Testmodalität | Trainingsbereiche sind sportartspezifisch |
| Schwellenwerte | Watt beziehungsweise Pace, Herzfrequenz und gegebenenfalls V̇O₂ | Erst die Kombination ermöglicht eine praktische Trainingssteuerung |
| Unsicherheit und Interpretation | Übereinstimmung oder Abweichung verschiedener Marker | Nahe beieinander bedeutet nicht automatisch identisch |
| Trainingsableitung | Trainingsbereiche und konkrete Anwendung | Der Messwert muss in Training übersetzt werden |
Was bedeutet die Schwelle für dein Training?
Die obere Schwelle ist kein Tempo, das an jedem Tag sekundengenau getroffen werden muss. Sie ist eine physiologische Orientierungsregion.
Unterhalb dieser Region kann eine hohe, aber noch kontrollierbare Dauerbelastung möglich sein. Direkt an der Grenze reagieren kleine Leistungsänderungen bereits deutlich. Oberhalb davon nimmt die Dauer bis zur Erschöpfung rasch ab.
Für die Trainingsplanung bedeutet das:
- Grundlagen- und extensive Ausdauereinheiten werden klar unterhalb der oberen Schwelle gesteuert.
- Schwellentraining wird je nach Ziel knapp unterhalb, im Bereich oder intervallartig rund um die ermittelte Grenze geplant.
- Hochintensive Intervalle liegen bewusst darüber und benötigen eine andere Belastungs- und Pausenstruktur.
- Herzfrequenz, Watt beziehungsweise Pace und subjektives Empfinden sollten gemeinsam betrachtet werden.
- Tagesform, Temperatur, Ermüdung und Verpflegung können die akute Reaktion verschieben.
Die Diagnostik soll deshalb keine scheinbar perfekte Einzelzahl produzieren. Sie soll eine belastbare Grundlage schaffen, um Training zielgerichteter zu dosieren.
Häufige Fragen zur anaeroben Schwelle
Ist die anaerobe Schwelle immer bei 4 mmol/l?
Nein. 4 mmol/l sind ein historisch etabliertes Referenzmodell, aber keine individuelle Konstante. Die relevante Laktatkonzentration kann deutlich niedriger oder höher liegen.
Sind VT2 und LTP2 identisch?
Nein. Beide liegen häufig in einer ähnlichen Belastungsregion, basieren aber auf unterschiedlichen Messsignalen. Individuelle Abweichungen sind normal und müssen interpretiert werden.
Ist VT2 dasselbe wie der Respiratory Compensation Point?
Im sportwissenschaftlichen Sprachgebrauch wird VT2 häufig für den RCP verwendet. Fachlich beschreibt der RCP den Beginn der respiratorischen Kompensation mit ansteigendem VE/VCO₂ und fallendem PETCO₂.
Ist MLSS die tatsächliche anaerobe Schwelle?
MLSS ist eine direkte, operational definierte Methode zur Bestimmung der höchsten Belastung mit stabilem Blutlaktat. Es ist ein wertvolles Referenzverfahren, bildet aber nicht automatisch die exakte Grenze aller physiologischen Steady-State-Prozesse ab.
Wie lange kann man an der Schwelle fahren oder laufen?
Nicht automatisch 60 Minuten. Die mögliche Dauer hängt von Definition, Sportart, Trainingszustand, Motivation, Glykogenverfügbarkeit, Wärmebelastung und Testmethode ab. „Eine-Stunden-Leistung“ und physiologische Schwelle sind keine austauschbaren Begriffe.
Kann die Schwelle aus der maximalen Herzfrequenz berechnet werden?
Nur sehr grob. Der relative Anteil der maximalen Herzfrequenz an den physiologischen Schwellen unterscheidet sich zwischen Personen. Für präzise Trainingsbereiche ist eine sportartspezifische Messung deutlich aussagekräftiger.
Fazit: Nicht nach einer Zahl suchen, sondern das System verstehen
Die Begriffe anaerobe Schwelle, VT2, LTP2 und MLSS beschreiben verwandte, aber nicht identische Konzepte. Jeder Marker liefert einen anderen Blick auf die obere Grenze der stabilen Ausdauerbelastung.
Eine wissenschaftlich fundierte Leistungsdiagnostik zeichnet sich deshalb nicht dadurch aus, dass sie möglichst viele Schwellenwerte ausgibt. Entscheidend ist, dass Testprotokoll, Messmethode und Auswertung zusammenpassen, Unsicherheiten transparent benannt werden und aus den Daten sinnvolle Trainingsbereiche entstehen.
Bei HPC verbinden wir Laktatdiagnostik, Spiroergometrie und sportpraktische Interpretation. So wird aus einem Messwert eine konkrete Entscheidung für dein Training.
Du möchtest wissen, wo deine individuellen Trainingsbereiche liegen? Buche deine Leistungsdiagnostik bei HPC oder kontaktiere uns für eine sportwissenschaftliche Beratung.
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